Digital Detox (Bild: Shutterstock)

Digital Detox – der Begriff kommt zunehmend in Mode. Ich kann ihn nicht mehr hören. Denn dahinter verbergen sich einige falsche Annahmen und Aussagen.

Hinweis: Die erste Fassung des Beitrages erschien am 7. Januar 2020. Das letzte Update mit vielen neuen Zeilen erfolgte am 5. August 2020.

Neues Jahr, neue (alte) Vorsätze

Zu jedem Jahreswechsel nehmen sich die meisten Menschen Dinge vor, die sie unbedingt ändern möchten: mit dem Rauchen aufhören, mehr Sport machen, weniger Fleisch essen, mehr Zeit mit der Familie verbringen, endlich ihren blöden Job kündigen. Und mal einen Digital Detox machen.

Auch in den letzten Monaten, die durch die Corona-Krise geprägt waren, liest und hört man zunehmend vom Digital Detox. Der sei unbedingt wichtig, weil wir ja alle nun nur noch vorm Computer, dem Smartphone, dem Tablet, der Spielkonsole und dem Fernseher sitzen würden.

Macht das Sinn? Und was steckt hinter dem fast inflationär verwendeten Begriff?

Was ist Digital Detox?

Detox ist die Abkürzung von Detoxifikation, also Entgiftung. Die Entgiftung ist unter anderem eine medizinische Methode, um Giftstoffe aus dem Körper zu bekommen. Auch Drogensüchtige machen einen Detox.

Der Digital Detox soll somit die Entgiftung vom Digitalen sein. Das impliziert, dass “das Digitale” etwas Schädliches sei, das aus unserem Körper vertrieben werden muss. Der “Patient” möchten eine Auszeit von digitalen Versuchungen nehmen.

Digital Detox = Social Media Detox

Seien wir mal ehrlich: Die allermeisten, die vom Digital Detox reden, meinen eigentlich, dass sie weniger ihr Smartphone in die Hand nehmen möchten. Sie sind süchtig nach den neuesten Facebook-Statusmeldungen, nach neuen Instagram-Fotos und WhatsApp-Chats. Und damit benötigen sie eigentlich einen Social Media Detox!

Das ist verständlich. Viele Menschen leiden unter FOMO, dem Fear Of Missing Out. Sie haben Angst, sie könnten etwas verpassen. Deswegen hängen sie ständig am Smartphone, um in die Welt der digitalen Meldungen abzutauchen. Sie sind ständig “distracted” – selbst beim Fernsehschauen, bei Gesprächen mit Freunden oder beim Spielen mit ihren Kindern. Sie werden zu Smombies.

Die Corona-Krise und die Digitalisierung des Lebens

In der Corona-Krise arbeiteten viele Arbeitnehmer digitaler als je zuvor. Der ständige Austausch per Mail, Messenger, Videokonferenz- und Collaboration-Tools ist mittlerweile ganz normal.

Dazu kommt: In dieser unsicheren Zeit möchten die Menschen ständig über die aktuelle Lage informiert sein. Also besuchen sie vermehrt Nachrichten-Seiten, schauen auf sozialen Netzwerken vorbei oder schalten die Flimmerkiste ein.

Und dann ist da auch noch die veränderte Freizeitgestaltung. Statt Partys und Disco-Besuchen sind nun ausgiebige Netflix-Sessions und intensives Gaming angesagt. Das sorgt gerade bei Jugendlichen teilweise für eine pathologische Mediennutzung.

Bringt der Digital Detox etwas?

Reicht es, wenn man einfach mal ein paar Tage lang weniger auf Facebook vorbeischaut? Nur zwei statt vier Stunden bingewatcht? Oder mal ein Fortnite-Onlineturnier auslässt?

Anders gefragt: Reicht es, wenn ein Alkoholiker weniger Alkohol trinkt? Oder wenn ein Kettenraucher mal zwei Tage lang keine Kippe anzündet?

Die Antwort ist klar: nein!

Echte Abhängige benötigen eine professionelle Hilfe. Ansonsten ist der Detox keine echte Entgiftung, sondern nur ein halbgare und in keinster Weise nachhaltige Maßnahme.

Der ach so angesagte Digital Detox ist somit bei dem meisten nur ein cooler Begriff, der verwendet wird, um das eigene Gewissen zu beruhigen – mehr nicht.

Was wäre ein echter Digital Detox?

Würde der Begriff Digital Detox ernst genommen werden, würde das bedeuten, von allen digitalen “Giften” zu entsagen. Das heißt, man dürfte folgende Sachen nicht mehr nutzen:

    • Alle digitalen Geräte: Smartphones, Tablets, Computer, Fernseher, Smart-Home-Devices, Fitnesstracker, Smartwatches, Navi etc.
    • Auch Webseiten, Onlineshops, Onlinebanking, E-Mails, Musik- und Videostreaming sind tabu!

Wollen wir das? Und: Können wir das überhaupt? Ist es in unserer modernen Welt machbar, einen echten Digital Detox durchzuführen? Eigentlich nicht. Schon alleine, weil wir alle bei der Arbeit einen Computer und das Internet benötigen.

Wer einen Digital Detox im wahren Sinn des Begriffs durchziehen möchte, müsste sich in die Einsamkeit zurückziehen. Und das natürlich ohne Equipment wie Uhren, Navi oder Handy. So wie unsere Vorfahren – back to nature!

Digital Detox heißt eigentlich: bessere Eigenreflektion

Sich Gedanken über seine Smartphone-Nutzung zu machen. Mehr reden, weniger chatten. Mal bei der Busfahrt aus dem Fenster schauen anstatt aufs Handy-Display. All das ist sinnvoll. Auch wenn die Digitalisierung (endlich!) voranschreitet und die digitale Vernetzung zwischen uns Menschen enger wird – gerade durch die Corona-Krise -, sollten wir den Versuchungen nicht immer nachgeben.

Nichtsdestotrotz darf man das Digitale nicht als Gift bezeichnen, von dem wir eine Detoxification benötigen! Digitale Produkte und Dienstleistungen sind per se nichts Schlechtes. Die meisten davon machen unser Leben einfacher, bequemer, vielseitiger. Aber sie haben Suchtpotential – wie Essen, Nikotin oder Alkohol. Da müssen wir dagegenhalten.

Zum Beispiel, indem wir uns über unser Medien- und Digital-Verhalten klar werden. Indem wir die Zeit stoppen, in der wir pro Tag auf sozialen Netzwerken “abhängen”, an der Playstation daddeln oder Amazon Prime laufen haben. Und indem wir Verhaltensweisen, die sich eingeschliffen haben, zurückfahren.

Das heißt: kein Verzicht, aber auch kein ungebremster Konsum. Einfach mal einen Abendspaziergang machen und dabei das Smartphone zuhause lassen. Einen Film konzentriert anschauen, ohne nebenbei “mal kurz” bei Spiegel.de oder bei Instagram vorbei zuschauen. Oder ein paar Gymnastik-Übungen vollführen anstatt die Xbox einzuschalten.

Umparken im Kopf!

Was ich ebenso für wichtig halte: Wir müssen die digitalen Kanäle und Tools, die leider immer noch “Neue Medien” genannt werden, endlich ernst nehmen. Hört damit auf, Websites, Videoportale, Games, soziale Netzwerke oder Messenger als etwas Unseriöses und Böses abzutun!

Die Möglichkeiten der Digitalisierung mögen zwar teilweise unser Leben unterhaltsamer gestalten, doch sie sind keine Spielerei. Sie sind Werkzeuge. Dinge, die unser Leben schon viel tiefer bestimmen und beeinflussen, als wir uns das manchmal begreiflich machen.

Na, wer mag noch ohne Smartphones leben? Keiner!

Wir benötigen unbedingt eine digitale Kompetenz. Zum Beispiel in den Schulen, bei den Lehrern und den Schülern. In den Familien (warum dürfen beispielsweise Jugendliche bis zum Umfallen zocken?). Und in den Unternehmen, damit auch die ewigen Digital-Verweigerer zum Mitmachen gezwungen werden.

Nur wenn wir wissen, wie digitale Produkte funktionieren und wie sie wirken, können wir sie besser in unser Leben einbauen. Zum Beispiel als Grundlage für neue Ideen, Konzepte, Produkte, Dienstleistungen oder Lebensweisen.

Fazit

Somit meine Bitte: Verwendet den Begriff Digital Detox nicht!

Gestattet euch gerne mal eine kleine Auszeit. Aber eine Entgiftung, eine totalen Entsagung, benötigen die allerwenigsten Menschen.

Macht keinen Fake-Detoxification, sondern nutzt die Digitalisierung mit all ihren Facetten richtig!

Bild: Shutterstock

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