Diesen Satz möchte ich nie wieder hören: “Mach doch mal Marketing!”

Marketing (Bild: Pixabay)

Diese Aufforderung habe ich schon oft gehört. Und ich befürchte, ich werde sie leider noch ein paar Mal hören. Ich erkläre, warum sie im Denkansatz falsch ist.

Über das falsche Verständnis vom Marketing

In den letzten 20 Jahren hatte ich schon verschiedene Positionen in unterschiedlichen Unternehmen. Und auch als Freelancer übte ich bereits diverse Tätigkeiten aus. Oft hatte mein Job etwas mit Marketing zu tun. Zum Beispiel als Marketing-Assistent, als Produktmanager und als Leiter des Content- und Onlinemarketings.

Diesen Satz habe ich dabei schon oft gehört:

“Mach doch mal Marketing!”

Vier Dinge stören mich daran:

Nr. 1: Der Satz wurde von meinem Vorgesetzten, Kollegen oder von Auftraggebern ganz lapidar ausgesprochen. So ungefähr in der Tonlage von “Hol‘ mal neues Druckerpapier”.

Nr. 2: Das Lapidare in der Aufforderung zeigt das größte Problem: Der Absender gab mir unterschwellig zu erkennen, dass man Marketing “kurz”, “mal so” und “nebenbei” machen könne. Einfach kurz schnipsen oder “Hex, hex” gesagt, schon ist “das Marketing” erledigt. Danach man kann sich wieder etwas Anderem, vermeintlich Wichtigerem widmen.

Nr. 3: Die Aufforderung nach Marketing-Aktivitäten wurde viel zu spät ausgesprochen. In über 80% der Fällen bekam ich den Auftrag, nachdem ein Produkt konzipiert und realisiert war. Es war fertig und es fehlte nur noch die Vermarktung. Damit könne das Produkt von heute auf morgen durch die Decke gehen, so die überzogene Erwartungshaltung.

Nr. 4: Nur eine Kleinigkeit: Es fehlte das Wörtchen “Bitte”.

Klammern wir mal Punkt 4 aus, gibt es immer noch drei eklatante Punkte, die mich hinter dem Satz “Mach doch mal Marketing” stören. Damit einher gehen einige Denkfehler der Kollegen, Vorgesetzten und Auftraggeber. Nämlich:

“Das Marketing”

Es wird angenommen, es gäbe “das Marketing”, so wie “ein Apfel” oder “die Tastatur”. Gibt es aber nicht! Marketing ist ein Oberbegriff für eine Vielzahl an Disziplinen, die von Jahr zu Jahr vielfältiger werden. So wie es “das Marketing” nicht gibt, existiert auch nicht “die Digitalisierung”. Das klingt so, als würde man “was mit Medien” machen.

OK, ich will nicht kleinlich sein. Nehmen wir einfach mal an, dass die Leute, die mich ansprachen, schon wussten, dass es nicht “das Marketing” gibt. Und dass sie wussten, dass ich mir im Klaren bin, welche Form von Marketing angewendet werden muss, um das Produkt zu vermarkten.

“Mach doch mal…”

Wie schon oben erwähnt, gehen viele Unkundige davon aus, dass Marketing so etwas wie eine Werkzeugkoffer sei. Man öffnet ihn, schaut hinein, holt den 13er-Schraubenschlüssel heraus, dreht an ein paar Knöpfen – und voilà ist das Ergebnis da.

Jeder, der nur ansatzweise Ahnung von Marketing hat, weiß, dass Marketing-Maßnahmen in den allerwenigsten Fällen “mal so” erledigt werden können. Zum einen, weil es immer zuerst eine Strategie benötigt. Das wird oft vergessen und auch gerne ignoriert. Marketing bedeutet für viele Menschen, man denkt sich ein paar verrückte Ideen aus, schaltet Anzeigen und dann fliegt die Kuh. Nein!

Etwas zu vermarkten bedeutet unter anderem, zuerst das Produkt zu verstehen, die passenden Zielgruppen zu finden, die Customer Journey zu analysieren und eine Strategie zu definieren. Erst gegen Ende denkt man sich Maßnahmen aus bzw. man hat sie eh in seinem Repertoire und wählt die Passenden. Recht selten geht es darum, maximal viele kreative Einfälle zu haben, sondern eher darum, aus einem großen Bündel an Möglichkeiten die wenigen, am besten Passendsten herauszupicken. Qualität statt Quantität!

Ist klar, welche Marketing-Maßnahmen passen, müssen diese realisiert werden. Zum Beispiel, indem ein Designer eine Landingpage kreiert, ein Texter die Texte verfasst und ein Facebook-Experte Anzeigen einbucht. Dem Marketing-Konzept ein Leben einzuhauchen ist kein Solo-Projekt, sondern ein Zusammenspiel aus vielen verschiedenen Spezialisten. Gibt’s die nicht, beispielsweise bei StartUps, muss sich eine Person als eierlegende Wollmilch-Sau um alles alleine kümmern. Dass es hier Einbußen in der Qualität gibt, dürfte jedem klar sein.

Werden die Maßnahmen durchgeführt, müssen diese getrackt, ausgewertet und nachjustiert werden. Auch das erfordert Fachwissen und viel Zeit.

Das Timing

Ich habe leider schon oft erlebt, dass ich erst gegen Ende einer Produktentwicklung hinzugezogen wurde. Zum Beispiel bei einem StartUp, das jahrelang im stillen Keller eine Software entwickelte. Als das Team dachte, es sei fertig (was ein Trugschluss in der Software-Entwicklung ist), wurde ich als Marketing-Freelancer engagiert, um “mal etwas Marketing zu machen”.

Das Produkt war leider nicht vermarktbar. Zum einen, weil es mit Scheuklappen am Markt vorbei entwickelt wurde. Zielgruppen-Analysen und dergleichen gab es nicht. Das Team nahm einfach an, die Welt hätte auf ihre geniale Idee gewartet. Zum anderen fehlten wichtige Assets: Es war keine richtige Webseite vorhanden, Screenshots, Videos, Pressemappen und dergleichen fehlten ebenso. Dazu kam, dass es eigentlich auch kaum Budget gab, denn das ganze Geld floss in die Entwicklung.

Wer sein Produkt richtig vermarkten möchte, darf nicht den Fehler begehen, die Marketing-Experten erst am Schluss ins Boot zu holen. Im Idealfall wird das Marketing von Anfang an involviert, damit beispielsweise Markt- & Zielgruppen-Analysen und Vermarktungsansätze bedacht werden. Und dass dann alle Maßnahmen in Ruhe durchdacht, geplant und umgesetzt werden können. Gerade wenn es wenig Budget gibt, ist es wichtig, Zeit zu haben. Denn dann kann durch Eigenleistung und Kreativität viel Monetäres ausgeglichen werden.

Noch eine Sache zum Faktor Zeit: Es gibt zwar Marketing-Maßnahmen wie Google- und Facebook-Ads, die in recht kurzer Zeit umgesetzt werden können, doch die sind eher die Ausnahme. Disziplinen wie PR oder Content Marketing benötigen viel Aufbauarbeit, Ausdauer und damit auch Geduld.

Einen hab‘ ich noch

Auch im Marketing gibt es nicht den Stein der Weisen. Oder einen roten Knopf, den man nur drücken muss, um erfolgreich zu werden.

Mal werden die (realistischen!) Marketing-Ziele erreicht, mal nicht. Passend dazu ein Zitat von Henry Ford:

„Fünfzig Prozent bei der Werbung sind immer rausgeworfen. Man weiß aber nicht, welche Hälfte das ist.“

Bild: Pixabay

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.